Eine Delegation aus dem Kirchenkreis besuchte den Partnerkirchenkreis in Südafrika.

Glauben verbindet. Kirche verbindet.

Und sei es über mehr als zehntausend Kilometer hinweg – das Vaterunser ist dasselbe, weil es denselben Vater anspricht. Freilich, das ist eine Binsenwahrheit, aber dennoch ist der Besuch eines Gottesdienstes im südlichen Afrika natürlich ein ganz anderes Erlebnis. Vor allem der mit Inbrunst vorgetragene Gesang beeindruckt, im Stehen vorgebracht, dabei mit rhythmischem Klatschen und viel Bewegung begleitet und weit in die Nachbarschaft der Kirchen vernehmbar, genau so wie das Sekunden später in andächtiger Stille gesprochene Gebet: Und die Gottesdienste können schon einmal länger als drei Stunden dauern.

Das sind nur ein paar Facetten einer Reise zur evangelisch-lutherischen Kirche in Soweto, den South-Western Townships am Rande von Johannesburg, dem wirtschaftlichen Herzen Südafrikas.
Doch das Erleben von auf- und anregenden Gottesdiensten in Soweto war nur ein Aspekt des Besuchs einer vierköpfigen Delegation des Kirchenkreises im März dieses Jahres. Der Kirchenkreis Neukölln pflegt seit annähernd vier Jahrzehnten eine Partnerschaft mit dem Kirchenbezirk Zentralsoweto.

Ins Leben gerufen wurde sie damals unter gänzlich anderen Vorzeichen: In Zeiten der Apartheid als Ausdruck der Solidarität einer in Freiheit und ohne Diskriminierung lebenden christlichen Gemeinschaft in Westeuropa mit unseren farbigen Brüdern und Schwestern in Südafrika, die auf perfide Art von jeglicher Teilhabe am „offiziellen“ Leben des Landes ausgeschlossen wurden.
Parkbänke, auf denen nur Weiße sitzen durften, waren noch eines der harmloseren Zeichen der Ausgrenzung: Geradezu absurd war die Willkür tagtäglicher Diskriminierung der schwarzen Mehrheit, die sich immer wieder auch mit Gewalt zu befreien suchte, was jedoch immer in brutale Gegengewalt mündete. Nelson Mandela musste 27 Jahre im Gefängnis sitzen, ehe seine Freilassung durch den (weißen) Präsidenten de Klerk 1990 dem Land den längst überfälligen Weg zurück in die Gemeinschaft zivilisierter Staaten ebnete.

Partnerschaft im Wandel

Südafrika veränderte sich in den letzten beiden Jahrzehnten enorm, die Dynamik des Wandels ist auf Schritt und Tritt zu spüren, auch und gerade in Soweto: Dreieinhalb Millionen Menschen leben hier, und es werden täglich mehr. Nach wie vor gibt es große Armut, sieht man entlang der Straßen erbärmliche Wellblechsiedlungen. Aber auch mit Mauern und Stacheldraht bewehrte größere Häuser, die punktuell von wachsendem Wohlstand zeugen. Die Mehrheit der Menschen lebt jedoch in winzig kleinen Häuschen ein bescheidenes Dasein.

Ziel der Reise der Kirchenkreis-Delegation war es, vor Ort über die Grundlagen und den Stand der Partnerschaft zu sprechen und auszuloten, wie diese Partnerschaft in Zukunft gestaltet werden könne. Wohin führt der Weg der beiden Kirchen, hier in Neukölln und im Süden Afrikas? Unter der Leitung von Superintendentin Viola Kennert und dem Partnerschaftsbeauftragten des Kirchenkreises, Diakon Karl-Heinz Lange, wurde ein umfangreiches Programm mit intensiven Gesprächen absolviert.

Im Vordergrund stand eine Bestandsaufnahme der Partnerschaft, vor allem aber kamen die Partnerschaften zwischen einzelnen Gemeinden hier wie dort auf den Prüfstand, die in jüngerer Zeit etwas „an Dynamik eingebüßt“ hatten: Gelebte Partnerschaft soll mehr sein, als einige wenige individuelle Freundschaften zwischen Gemeindegliedern hier und dort.
Eines wurde aus den Gesprächen mit Dean Mankga, dem rührigen Dekan von Zentral-Soweto, schnell deutlich – viele Probleme im Kirchenalltag dort sind dieselben wie hierzulande: Rückläufige Zahlen der Gemeindemitglieder, Schwierigkeiten, die jüngere Generation anzusprechen und an die Gemeinden zu binden (obwohl die Familien zumeist kinderreicher sind als bei uns), fehlende Mittel für den Erhalt von Kirchen und Pfarrhäusern, Geldmangel auch bei den Gehältern von Pfarrern und Mitarbeitenden.

Wie in Deutschland wenden sich auch in Soweto immer mehr Menschen generell von der Kirche ab – oder aber anderen Glaubensgemeinschaften zu: So steht die ELCSA – die Evangelisch-Lutherische Kirche im Südlichen Afrika – in Konkurrenz zu zahlreichen anderen christlichen, „charismatischen“ Kirchen mit ihrem vermeintlich attraktiverem Angebot. Dieser Entwicklung entgegenzuwirken versucht die ELSCA in Soweto beispielsweise durch eine Nachwuchsorganisation, die Young Adults League, deren Jahresversammlung besucht wurde. In ihrer positiven Ausstrahlung wirkt diese ausgesprochen aktive Vereinigung wie ein kleiner Leuchtturm für die jüngeren Gemeindemitglieder. Über die Young Adults League könnten partnerschaftliche Kontakte mit Jugendlichen der Neuköllner Kirchengemeinden geknüpft werden.

Beispielhafte Arbeit mit Aidswaisen

Und es gibt weitere ermutigende Signale, insbesondere in der diakonischen Arbeit in den Gemeinden. Herausragend ist beispielsweise die Arbeit der Diakonia AIDS Ministry (DAM), einer Einrichtung zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen, die entweder selbst HIV-positiv oder in ihren Familien von AIDS und den damit verknüpften dramatischen Entwicklungen betroffen sind. Der frühere Dekan Mugivhi leistet hier eine enorm wichtige Arbeit, seit 2002 werden an die 300 junge Menschen versorgt, bekommen nach der Schule warme Mahlzeiten und Hausaufgabenbetreuung, es werden Kranke zu Hause besucht und man kümmert sich besonders um Waisen. Die Unterstützung dieses vorbildlichen Projekts soll nach den Vorstellungen der Neuköllner Delegation in Zukunft einen Schwerpunkt der Partnerschaft bilden, beispielsweise, indem eine weitere hauptamtliche Stelle für die tagtägliche Arbeit im DAM finanziert wird. Ein entsprechender Vorschlag soll dem Kreiskirchenrat vorgelegt werden.

Am Ende des umfangreichen Besuchsprogramms mit vielen sehr herzlichen Begegnungen blieben hinsichtlich der Partnerschaft auch Fragen offen – die als Hausaufgaben mit auf die Heimreise genommen wurden:
Wie kann die Partnerschaft, insbesondere zwischen unseren Gemeinden und den Gemeinden in Soweto mit mehr Leben gefüllt werden? Diese Frage soll im Laufe des Jahres vom Partnerschaftsausschuss im Dialog mit unseren Kirchengemeinden beantwortet werden.

Ulrich Köhler (Eichwalde)