Das Segensbüro | Evangelischer Kirchenkreis Neukölln

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Das Segensbüro

Seit Beginn 2021 entsteht in der Neuköllner Genezarethkirche ein „Segensbüro, das individuelle Möglichkeiten christlicher Begleitung bei Segensfeiern wie Taufen, Trauungen oder ganz neuen  Segenshandlungen aufzeigt und vermittelt. Das „Segensbüro“ vermittelt zwischen denen, die den Segen suchen und denen, die ihn spenden.

Kontakt zum „Segensbüro“
 

Pfarrerin Jasmin El-Manhy | jasmin.el-manhy@gemeinsam.ekbo.de |  Telefon 0163  8 63 75 53
 

Pfarrer Tilman Reger | tilman.reger@gemeinsam.ekbo.de | Telefon 0151 67 82 04 52
 


„Segen schenken“ - Interview mit Jasmin El-Manhy und Tilman Reger
über ihr „Segensbüro“
 

Nehmen wir an, Sie möchten Ihr Projekt „Segensbüro“ in 140 Zeichen auf Twitter beschreiben. Was twittern Sie?

TILMAN REGER: Wir geben Segen weiter. Wir nehmen uns Zeit für Segen. Wir finden mit dir zusammen den richtigen Ort und die passende geistliche Person.

JASMIN EL-MANHY: Wir sind ein Art Agentur: Wir vermitteln zwischen denen, die Segen suchen und denen, die ihn weitergeben oder spenden.

In den letzten 20 Jahren sind die Amtshandlungen wie Taufe und Trauung in unserer Kirche noch stärker zurückgegangen als die Mitgliedszahlen. Wie erklären Sie das?

JASMIN EL-MANHY: Die Menschen denken nicht mehr automatisch an die Kirche, wenn sie heiraten möchten. Sie fühlen sich ihrer Ortsgemeinde nicht selbstverständlich verbunden. Und es wird ihnen auch nicht besonders leicht gemacht wird, Kontakt zur Gemeinde
zu finden oder ein gutes Angebot. Gleichzeitig sind die Rituale ausgewandert: Auch kommerzielle Anbieter arbeiten mit spirituellen Bezügen oder segnen. Und sie bewerben ihre Angebote sehr offensiv. Die Kirche dagegen wartet, dass die Menschen auf sie zu kommen. Das wollen wir mit dem Segensbüro ändern.

TILMAN REGER: Die Gestaltung der Lebensbezüge hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Die Gestaltungspraxis in den Kirchen hat sich nicht in gleichem Maße mitentwickelt. Diese Lücke möchten wir als Segensbüro schließen und Brücken bauen zu den Pfarrer*innen, die Lust haben, die Gestaltung zeitgemäß und gut zu machen.

Der „Markt“ hat sich auch im Bezug darauf verändert, dass die Nachfrage nach individuellen Segnungen angestiegen ist, wie z. B. am Valentinstag. Ist das Segensbüro auch eine Reaktion darauf?

JASMIN EL-MANHY: Ja, und wir sind gespannt, was da an Nachfragen kommt. Aber erst einmal müssen wir einen Zugang schaffen, damit Menschen das Vertrauen fassen, ihre Anfragen an uns zu stellen. Dazu wollen wir das Signal aussenden: Wir kennen eure Lebenswirklichkeiten und wir haben uns darauf eingestellt. Wir segnen, z. B. auch Schwangere oder Menschen, die ihr Geschlecht wandeln. Es gibt Kolleg*innen, die bereits Liturgien da- für entwickelt haben und es gibt Beispiele, die wir nutzen und z. B. auf unserer Homepage vorstellen werden. Das hilft dann hoffentlich auch dabei, das Bild von einer verstaubten Kirche, das viele Menschen haben, zu verändern. Wir wollen die guten Angebote, die die Kirche macht, zeigen.

TILMAN REGER: Wir entstauben auch das traditionelle Angebot: Taufe, Trauung und Bestattung sind ja Feiern an wichtigen Punkten des Lebens, die es weiter gibt. Aber die Ansprüche an ihre Gestaltung haben sich geändert. Und mit Blick darauf möchten wir sie entstauben.

Wie kann das konkret aussehen?

TILMAN REGER: Das Prinzip der Parochie, also dass jede Person durch ihren Wohnsitz an eine bestimmte Gemeinde gebunden ist, entspricht – zumindest in der Stadt – nicht mehr der Lebenswirklichkeit. Wir wollen statt dessen genau hinschauen: Passt es in der Ortsgemeinde? Dann ist das natürlich schön. Oder gibt es einen anderen Ort, einen bestimmten Pfarrer oder eine Pfarrerin, wo die jeweiligen Menschen sich besonders wohl fühlen, um den Segen zu empfangen. Diese Vermittlungstätigkeit ist unsere Aufgabe als Agentur.

JASMIN EL-MANHY: Die Kirche muss ihre Monopolstellung aufgeben. Sie muss sich fragen: Wer kümmert sich noch um Menschen, die heiraten wollen? Wer sorgt noch für die Toten? Und sie sollte dabei keine Angst haben, mit kommerziellen Anbietern zusammenzuarbeiten. Es muss eine Form von Austausch mit ihnen geben, um gemeinsam neue Wege zu gehen. Ich habe bei Trauerfeiern sehr gute Erfahrungen mit einem Bestatter gemacht, der sehr auf individuelle Bestattungskultur setzt. Das bedeutet, dass die Angehörigen selber entscheiden, ob sie den Toten mit waschen und anziehen, ob sie den Sarg gestalten möchten. Es geht auch um die Einbeziehung von Kindern, um Musik. Wir haben viel darüber gesprochen, wie eine solche individuelle Würdigung des Lebens des Verstorbenen mit der christlichen Bestattungskultur zusammengeht. Das auszuloten wird uns auch hier beschäftigen.

Wenn die Kirche ihre Monopolstellung aufgibt, müssten wir im Umkehrschluss nicht auch darüber nachdenken, Menschen ohne Religionszugehörigkeit zu verheiraten, zu beerdigen, ihre Kinder zu taufen?

JASMIN EL-MANHY: Im Bereich der Bestattung tun wir das ja an vielen Stelle schon. Aber mache ich das als Pfarrerin? Oder bin ich dann plötzlich eine freie Rednerin? Das ist natürlich eine Strukturfrage. Als Segensbüro tun wir ein bisschen so, als ob es diese Strukturen nicht gibt. Das hat auch etwas Spielerisches.

TILMAN REGER: Wir geben als Kirche den Segen weiter. Aber wir haben darauf keinen Alleinanspruch. Der Horizont unseren Handelns ist nicht auf die Gruppe der Mitglieder beschränkt. Da sind kirchenrechtliche Fragen natürlich ebenso berührt wie finanzielle Fra- gen. Als Pfarrer im pastoralen Dienst ist mir vor allem wichtig: Ich bin bewegt vom Segen Gottes und möchte, dass Menschen ihn auch erleben, unabhängig von ihrer Kirchenmitgliedschaft.

Auch interreligiös?

JASMIN EL-MANHY: Ich kann mir vorstellen, dass auch das Thema einer interreligiöser Segnung hier an diesem Ort eine Rolle spie- len könnte. Wenn ich mir vorstelle, ich würde mit einem Imam eine interreligiöse Trauung vorbereiten, also: ein Fest, eine wirkliche Begegnung und zwar eine ganz praktische. Das wäre eine wahnsinnige Chance für den interreligiösen Dialog. Segen ist etwas sehr verbindendes und nicht bekenntnisorientiert.

TILMAN REGER: Eine Amtshandlung ist ein hoheitliches Geschehen der Institution Kirche, Segen ist hoheitliches Geschehen Gottes. Der Segensraum Gottes ist weiter als die Kirchenmauern. Das erleben wir in der Begegnung und im Zusammentreffen von Menschen, die ihre jeweils eigenen Glaubenserfahrungen mitbringen und das Verbindende gemeinsam feiern.

Welche neuen Formen von Segenshandlungen stellen Sie sich vor?

TILMAN REGER: Auf die Liste kommt das, was Menschen bewegt. Darum ist sie grundsätzlich unabgeschlossen. Aber die großen Fragen, die Themen, die Veränderungen, die im Leben von Menschen Relevanz beanspruchen, die sollten auch in der Kirche Raum finden. Dafür stehen wir als Segensbüro: Da kommt eine Person mit einem Thema, das sie bewegt und sie trifft auf jemanden mit offenen Ohren.

JASMIN EL-MANHY: Freundschaft und Fa- milie sind sicher Themen, die uns bewegen werden, die Segnung von Menschen, die sich als Familie verstehen. Auch Reise- oder Abschiedssegen können hier in der Großstadt, wo viele Menschen nur auf Zeit leben, eine Rolle spielen; ebenso Abschiedsrituale. Auch der Bedarf, Tiere zu bestatten, ist hoch. Viel- fach suchen Menschen in Krisensituationen Stärkung im Segen. Wenn ich in Sonntagsgottesdiensten Menschen gesegnet habe, konnte ich spüren, wie sehr sie das berührt. Wir werden deshalb nach einer sehr offenen und niedrigschwelligen liturgischen Form suchen, um Menschen hier den Segen zu schenken.

Bekomme ich bei Ihnen auch einen Segen „to go, wenn ich vorbei komme, lese „Segensbüro“ und denke: Da klopfe ich mal an?

TILMAN REGER: Na klar.
JASMIN EL-MANHY: Auf jeden Fall.

Das Interview führten (per ZOOM):  Cornelia Schwerin, Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg, und Ebba Zimmermann, Kirchenkreis Neukölln