Veröffentlicht am Mi., 29. Apr. 2020 16:15 Uhr

Petra Reh ist Präventionsbeauftragte und insoweit erfahrene Fachkraft im Ev. Kirchenkreis Neukölln. Normalerweise berät sie die Gemeinden, Kitas und Arbeitsbereiche in Fragen des grenzwahrenden Umgangs und wird von ihnen angefragt, wenn ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung besteht. In der Coronakrise sind Familienzentren und Beratungsstellen geschlossen, die Kitas bieten nur Notbetreuung an. Trotzdem steht bei Petra Reh das Telefon nicht still. Es sind nun vermehrt die Mitarbeitenden, die sich bei ihr melden. In einer Zeit, in der das Nebeneinander von Homeoffice und Homeschooling und die Entgrenzung von Arbeit und Privatleben für viele zur Belastung wird, suchen sie ihren Rat. Ein großer Vertrauensbeweis, wie Petra Reh findet. Sie rät zu Gelassenheit und intensiven Gesprächen in den Familien.

Wir alle haben es in den letzten Wochen erlebt: Die erzwungene Nähe, verbunden mit der stark veränderten Arbeits- und Lebenssituation in den Familien und der wachsenden sozialen Unsicherheit, ist für jedes einzelne Familienmitglied eine große Belastung. Homeoffice und Homeschooling müssen in vielen Familien parallel bewältigt werden. Das höre ich auch von den Mitarbeitenden in unserem Kirchenkreis, mit denen ich in der aktuellen Situation vermehrt im Gespräch bin. Ich freue mich sehr über das Vertrauen, das mir dabei entgegengebracht wird. Es ist schön zu sehen, wie sensibel die Mitarbeitenden auf ihre unterschiedlichen Rollen als Erziehungs- oder Sorgeverantwortliche schauen – und vor allem auch auf die Kinder und Jugendlichen, für die sie Verantwortung tragen.

Bei fast allen Anfragen, die mich in den letzten Wochen erreicht haben, kristallisierte sich sehr deutlich die Doppelbelastungen durch die gleichzeitige Kinderbetreuung bzw. die – oft sehr aufwendige – Begleitung der Kinder bei ihren schulischen Aufgaben und der eigenen Arbeit im Homeoffice heraus. Besonders die schulischen Anforderungen führen, unabhängig von der Jahrgangsstufe, häufig zu emotionalen Grenzerfahrungen. Schaffe ich das? Schafft mein Kind das? Viele Eltern befürchten, dass sie es nicht leisten können, neben ihrer beruflichen Tätigkeit auch noch den erforderlichen Lernstoff angemessen zu vermitteln. Zumindest was Benotung betrifft, kann ich an dieser Stelle beruhigen. In einem Schreiben an die Schulleitungen vom 23. April hat die Berliner Senatsverwaltung deutlich formuliert, dass die beim Lernen zu Hause erbrachten Leistungen nur in Ausnahmefällen zur Verschlechterung in der Benotung führen sollten. Das Schreiben macht ausdrücklich deutlich, dass die Senatsverwaltung die hohen Belastungen der Schüler und Schülerinnen in der Coronazeit wahrnimmt und berücksichtigen möchte. Ein deutliches Zeichen der Entlastung also, das den Familien zeigen sollte: es besteht an dieser Stelle kein Grund, sich Leistungsdruck aufzubauen oder gar in einen heftigen Konflikt zu geraten.

Für Kinder und Jugendliche ist nicht nur das Homeschooling, sondern vor allem die unsichere Situation, die Kontaktsperre und Trennung von Freunden und Verwandten eine Belastung. Ich möchte Sie ermutigen, mit Kindern und Jugendlichen darüber ins Gespräch zu gehen, wie sie diese Zeit erleben: wen sie vermissen, was ihnen Sorge bereitet und was sie über die Coronazeit denken. Fragen Sie die Kinder oder Jugendlichen, was ihnen an der aktuellen Situation gefällt und wie sie sich die nahe Zukunft vorstellen; für sich, für Freunde, für die Familie. Teilen Sie Ihre eigenen Gedanken und Gefühle und auch Ihre eventuellen Sorgen altersgemäß. Es ist gut und richtig, wenn Kinder und Jugendliche Antworten erhalten auf das, was sie gefühlsmäßig in der Situation ohnehin wahrnehmen. Teilen Sie mit den Kindern und Jugendlichen Ihre eigenen Methoden und Strategien, mit den Verunsicherungen oder gar Ängsten dieser Zeit umzugehen. Oder begeben Sie Sich gemeinsam auf die Suche.

Seien Sie sich gewiss, dass sich alle Kinder und Jugendlichen später nachhaltig an ihre Gefühlslagen in dieser für uns alle neuen und komplizierten Coronazeit erinnern. Sie werden sich daran erinnern, wo und wodurch sie Halt und Geborgenheit erlebten. Aber genauso werden sie sich daran erinnern, was sie ängstigte und womit sie allein geblieben sind. Kein Kind, keine Jugendliche und kein Jugendlicher wird sich vordergründig daran erinnern, welche Mathematik- oder Deutschaufgaben gelöst werden mussten; jedoch sehr deutlich daran, wie man sich dabei fühlte.

Das trifft übrigens für uns Erwachsene ebenso zu. Daher möchte ich Sie ermutigen, den Kindern und Jugendlichen, aber auch sich selbst mit Gelassenheit, Gnade und ehrlicher Aufmerksamkeit zu begegnen. Eine außergewöhnliche Situation kann auch außergewöhnliches Verhalten befördern – im Positiven wie im Negativen. Ich bin mir sicher, dass die Coronazeit uns alle beeinflussen und verändern wird - Kinder, Jugendliche und Erwachsene - und wünsche uns allen die notwendige Aufmerksamkeit und Zeit, sich neu zu begegnen!

Ihre Petra Reh

Kategorien Aktuelles aus den Gemeinden und Einrichtungen