Veröffentlicht von Ebba Zimmermann am Do., 30. Apr. 2020 11:56 Uhr

Predigtimpuls am 26. April 2020
(Miserikordias Domini, 2. Sonntag nach Ostern) zu 1. Petrus 2, 21b-25

Superintendent Dr. Christian Nottmeier  

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Es gibt Texte, Bilder, Worte, die begleiten ein ganzes Leben. So ein Text ist für mich der 23. Psalm. Seine Wirkungsgeschichte ist immens - und er hat auch die Texte des heutigen Sonntags geprägt. Nicht nur, dass Psalm 23 der Wochenpsalm ist, sondern auch das Evangelium ist mit Jesu Anspruch verbunden, der gute Hirte zu sein, der sein Leben für die Schafe lässt. Dieses Bild begegnet uns auch im Predigttext: Jesus als Hirte und – so übersetzt es Luther korrekt – als „Bischof unserer Seelen“.

Für mich ist dieser 23. Psalm so etwas wie ein alter Bekannter, mit einer langen und wechselvollen Geschichte. Ein Stück Kindheit begegnet mir darin, schon früh habe ich ihn gehört. Ich weiß nicht mehr von wem, der Großmutter vielleicht, die dann immer erzählt hat: von dem Hirtenjungen David, der es zum König brachte und irgendwann dieses Lied geschrieben und dann – natürlich – auf der Harfe gespielt hat.  

Irgendwann mochten wir uns dann nicht mehr so, ich und der Psalm. Vielleicht lag das daran, dass ich ihn auswendig lernen musste, vielleicht auch daran, dass ich irgendwann dachte, ich bin doch kein Schaf. Und so fand ich ihn dann unmodern, altertümlich, irgendwie abgegriffen – auch wenn manche Kindheitserinnerungen daran hingen. Aber in einem gewissen Alter, meist Pubertät genannt, sind ja auch die eher peinlich. Gewiss, im Studium sind wir uns dann wieder begegnet und in der Bibelkundeprüfung durfte ich – gar nicht so einfach – etwas davon übersetzen und noch bemerken, dass der Psalm das Vertrauenslied eines Einzelnen ist, übrigens wohl nicht von David, sondern jüngeren Datums. Richtig begegnet sind wir uns dabei aber eher nicht.

Das kam erst später, als er sich plötzlich in einer Situation meldete, in der mir selbst die Worte fehlten. Als es leer war in meinem Kopf, da hörte ich ihn plötzlich hineinsprechen, unmerklich, ganz leise und sanft, aber genau richtig, genau passend. „Der Herr ist mein Hirte, er weidet mich auf einer grünen Aue. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück.“ Worte, die Wärme, Vertrautheit ausstrahlen. Und dann ist er mir wieder begegnet, bei meinem ersten Besuch als Vikar bei einer sterbenskranken Frau. Gar nicht erreichbar schien sie mir. Eher aus Hilflosigkeit begann ich die Worte des Psalms zu sprechen und plötzlich, vielleicht, weil die Frau ihn auch als Kind gelernt hatte, sah ich, wie sich ihre Lippen bewegten ...  

Und auch jetzt, in diesen Corona-Tagen, im Auf und Ab zwischen Hoffnung und Enttäuschung ist mir dieser Psalm nahe. Er gibt mir Kraft, Vertrauen, auch Zuversicht. Denn die Einschränkungen unseres Lebens werden weitergehen, für längere Zeit. Die gewohnte Normalität wird noch auf sich warten lassen – das gilt auch für das gottesdienstliche Leben, wie wir es bisher gewohnt waren. Gut, dass mich da diese Worte begleiten, auch dann, wenn ich einmal vor lauter Dunkelheit das Licht nicht sehen sollte.  

Den ersten Christinnen und Christen ging es mit diesem Psalm dabei vielleicht nicht anders als mir. Das Bild vom guten Hirten war ihnen vertraut. In ihm verbanden sich Lebenserfahrung, Anfechtung und Gottvertrauen. Eben deshalb konnte ihn sich auch die christliche Gemeinde anverwandeln. Sie erkannte in dem guten Hirten nicht nur Gott, sondern Christus selbst – den Menschen Gottes, der sich ganz auf die Seite unserer menschlichen Existenz in ihrer ganzen Zwiespältigkeit gestellt hat. Es war die Erfahrung der ersten Christen und ist bis heute die Erfahrung von Christen immer neu gewesen, dass im Weg und im Schicksal Jesu verlorene Menschen gefunden werden, dass sie heil werden, dass Verletzungen, Schikane, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung überwunden werden und so Wege zum Leben eröffnet werden.  

Wir sind seine Nachfolger – treten mit den Worten des 1. Petrusbriefes in seine Fußstapfen – wenn wir die Erfahrung von Trost und Bewahrung auf den Wegen unseres Lebens nicht für uns behalten, sondern Menschen davon erzählen, wie der Glaube unsere Seelen berührt und so unsere Augen öffnet für die Verletzungen und die Nöte um uns herum. Das ist mir gerade in diesen Tagen wichtig. Dann erfahren wir, dann erfahren andere, was der 1. Petrusbrief mit Rückgriff auf die Bilder des 23. Psalms beschreibt: Jesus Christus, Hirte und Bewahrer meiner Seele. Und wo ich das erfahre, da schreibt sich die Geschichte einer Glaubens- und Lebenserfahrung, die Menschen mit Gott gemacht haben, in meine, in unsere Lebensgeschichte ein.  

Dieser Christus, dieser gute Hirte ist kein Herrschender, sondern ein Suchender. Einer, der die Menschen in ihrem Kummer und ihren Sorgen aufsucht. Einer, der bei denen ist, an die kein anderer denkt: bei den Heimatlosen, den Hin- und Hergescheuchten, denen, die keine Hoffnung haben, die nicht mehr besucht werden können. Diesem „Bischof der Seelen“ sollen wir folgen. Er ist der unscheinbar Auftretende, der nichts denkt, fühlt und tut als Liebe, Güte, Achtung, Ermutigung. „Jetzt aber seid ihr auf den rechten Weg zurückgebracht worden und folgt dem Hirten, der euch leiten und schützen wird“, heißt es im 1. Petrusbrief. In dem Moment, wo ihr diesem liebevollen, großartig menschlichen Christus gefolgt seid, ist Hoffnung möglich.  

Der Bischof – das ist der Episkopos. Und Episkope, das Amt, das ein Bischof ausübt, heißt wörtlich übersetzt: Das Darauf-Acht-Geben, das Darübersehen, das im Blick haben, also auf die Menschen im guten Sinne achten und sie im Auge haben.  Deshalb gefällt mir die Übertragung der guten Nachricht: „Ihr folgt dem Hirten, der euch leiten und schützen wird.“ Damit werden uns auf einen Schlag eine ganze Reihe Lebenssorgen abgenommen. Wir brauchen die Angst, nicht zu wissen wohin, nicht länger zu haben. Wir müssen uns nicht vor der Gefahr fürchten, sondern können ihr mutig ins Auge sehen. Wir haben einen Hüter, einen, der besorgt um uns ist.  

Das macht uns frei auch für diese Welt. Gibt uns den Auftrag, Verantwortung zu übernehmen. Für uns, unsere Lieben, unsere Kirchen und Gemeinden, aber auch für das allgemeine Wohl. In diesen Tagen, in denen die Gefahren bei Weitem noch nicht abgewendet sind, ist das besonders wichtig. Denn darum geht es jetzt auch: Tue deinen Dienst und deine Aufgabe da, wo du stehst. Wo Gott dich hingestellt hat. Halte die Spannungen aus, in die du selbst, und in die wir alle gerade gestellt sind in unserem Land. So schwer das manchmal auch ist. Sei besonnen und geduldig und vergiss Verantwortung und Nächstenliebe nicht. Dazu gehört gerade auch der Verzicht auf manches, was uns am Herzen hängt, auch im kirchlichen Leben. Vor allem aber vergiss nicht das Eine: Das ist der gute Hirte, der es gut mit mir, der es gut mit uns meint.

Ja, unter seine Gnade, seine Güte, will ich mich stellen und hinausgehen, die Aufgaben angehen, die uns unsere Zeit stellt. Auch da, wo ich durch finstere Täler wandern muss, will ich darauf hören: „Denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.“ So geht sie weiter, meine Geschichte mit dem 23. Psalm.

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