Veröffentlicht am So., 3. Mai. 2020 00:00 Uhr

Predigtimpuls am 3. Mai 2020 (Jubilate, 3. Sonntag nach Ostern)

Johannes 15, 1-8

Superintendent Dr. Christian Nottmeier

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Ansprache zum Nachlesen (PDF)

Endlich Frühling. Was für herrliche Tage, in denen es grünt und die Sonne einen anlacht! Wer will da nicht unterwegs sein? Fahrradfahren etwa am Mauerweg entlang? Oder, wie ich es in diesen Tagen öfter tue, lange Spaziergänge im Britzer Garten machen? Einfach mal raus, die Natur genießen, auf andere Gedanken kommen. Gedanken, die dann nicht nur um Corona kreisen; auch wenn man wegen der Abstandsregeln und den vielen Hinweisen, schon am Eingang zum Britzer Garten, wieder daran erinnert wird.

Das klingt jetzt vielleicht etwas verrückt, aber manchmal kommt mir bei diesen Spaziergängen auch folgender Gedanken in den Sinn: Wie war das eigentlich damals, als Jesus unterwegs war, aber gerade nicht heilte, predigte oder sich in Auseinandersetzungen warf?  Klar, Urlaub wie wir kannte Jesus nicht. Aber wie war das sonst? Haben die Jüngerinnen und Jünger abends am Lagerfeuer auch einmal gesungen und getanzt? Hat Jesus da mitgemacht oder stumm in der Ecke gesessen? Und was hat er sonst wahrgenommen? Wie war es mit den Landschaften, den Pflanzen, der Natur um ihn herum?

Immerhin, die biblischen Texte lassen einen wachen Blick Jesu für die Welt um ihn herum und für die Schönheiten der Schöpfung erkennen. Immer wieder nutzt Jesus seine Naturbeobachtungen, um daran Bilder eines gelungenen, in Gott geborgenen Lebens anzuknüpfen.  Lilienfelder etwa und Vögel werden von ihm zu Gleichnissen eines Lebens erhoben, das sich nicht durch Angst und Sorgen auffressen und klein machen lässt. Jesus wusste von der Schönheit der Natur, vom bildhaften Charakter, den sie für ein Leben im Gleichgewicht mit sich, mit anderen und mit Gott haben kann.  

Ähnlich ist es mit dem Bild des Weinbergs. Auch das nutzt Jesus immer wieder und in wechselnden Variationen. Ein schönes, einleuchtendes Bild, das angenehme Erinnerungen hervorruft. Für uns vielleicht an Urlaube an der Mosel oder in Südfrankreich und für mich an die südafrikanische Kapprovinz mit ihren wunderbaren Weingütern! Ich denke an Leichtigkeit und Lebensfreude.

In der Bibel ist es nicht anders: Der Weinberg steht für Heil, für Geborgenheit in Gott, für ein gelingendes Leben, das nicht auf sich selbst gestellt ist, sondern um die Kraftquellen weiß. Ein organisches Ganzes, ein Ökosystem, in dem alles im Ausgleich und im Wechselspiel zueinander passt. Da ist kein Teil auf sich allein gestellt, eine Rebe ohne einen gesunden Weinstock nicht denkbar. Insofern stimmt, was Jesus sagt: Ohne mich könnt ihr nichts tun!  

Ohne mich könnt ihr nichts tun – das höre ich wohl, aber gerne lasse ich mir das nicht sagen. Mir ist meine Freiheit und Selbstbestimmung wichtig. Vieles davon ist jetzt eingeschränkt, schwer möglich. Da kann mich zumindest gelegentlich auch ein Gefühl der Machtlosigkeit, der Ohnmacht befallen. Wie schnell unser Leben sich ändert, wie sehr ein Virus, unsichtbar und als Bedrohung nicht zu erkennen, unsere Gewohnheiten und unser Leben umstellt. Und wie wir, auch schmerzvoll, erkennen müssen, dass es eine schnelle Lösung, eine einfache Rückkehr zur Normalität nicht geben wird. Es ist auch ein Ende aller vorschnellen Sicherheiten und Gewissheiten, das wir erleben. Es scheint nicht die eine Wahrheit zu geben, verschiedene Sichtweisen müssen abgeglichen und miteinander irgendwie in einen Ausgleich gebracht werden.

In den Debatten über die Lockerungen der Beschränkungen erleben wir das gerade. Welches Ziel steht an erster Stelle, welche Interessen sind zu berücksichtigen? Das begegnet uns auch in unserer Kirche, etwa bei der Frage, wie wir mit den Lockerungen mit Bezug auf das bisher geltende Verbot der Gottesdienste in unseren Kirchen umgehen. Sollen wir alle Spielräume nutzen und so viele Gottesdienste wie möglich feiern? Oder lieber zunächst ganz verzichten, schon wegen des Infektionsrisikos, aber auch weil das, was wir unter den zu Recht strengen Regeln feiern können, ziemlich anders aussehen wird, als die die vertraute Gottesdienstfeier, die wir uns wünschen? Hier werden wir abwägen, immer neu entscheiden müssen. Dabei werden wir nicht immer richtigliegen, sondern auch Fehler machen.

Es hat mich in den letzten Tagen beeindruckt, dass der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn diese Fehlbarkeit von Entscheidungen, auch den Druck, unter dem Entscheidungen gerade getroffen werden, so offen angesprochen hat. Er hat die Unwägbarkeiten eingeräumt, unter den gerade entschieden werden muss, nicht nur in der großen Politik, sondern in eigentlich allen Lebensbereichen und Handlungssphären.  Und, so hat er hinzugefügt: „Wir werden einander auch viel verzeihen müssen.“ Ich sehe darin kein Anzeichen von Schwäche, auch kein politisches Manöver, sondern vielmehr die Einsicht darin, dass wir fehlerbehaftete Wesen sind, die in allen ihren Entscheidungen nicht nur Fehler machen, sondern auch Schuld auf sich laden. Das nehme ich auch für mich in Anspruch: ich versuche einzuschätzen, Rat zu geben, beizustehen, auch zu entscheiden, wo es nötig ist. Aber letzte Sicherheit kann es für die Richtigkeit und Angemessenheit nicht geben. Wir alle fahren auf Sicht.  

Ohne mich könnt ihr nichts tun – so sagt es Jesu. Mich tröstet dieses Wort. Es ist realistisch. Ja, ich stehe nicht für mich. Ich bin eingebettet in ein großes Ganzes. In einem wundervollen, der Natur entnommenen Bild, drückt Jesus das aus: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der wird viel Frucht bringen. Denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Jesus sagt das als Trost zum Abschied von den Seinen. Es sind letzte Worte, die sich einprägen, auf die es ankommt.  Er zeigt damit noch einmal die Kraftquellen auf, die die Seinen auf Ihrem Weg erfahren. Das soll bewahrt, erinnert und weitergetragen werden. Das Leben, auch das Glaubensleben, steht in einem größeren Zusammenhang. Es ist auf Sinn, auf Heil, auf Ganzheit aus, auch auf Vergebung. Jesus sagt: „Auch wenn ich gehe, wenn ihr mich nicht mehr seht, bleibe ich bei, bleibe eure Quelle, die nicht versiegt.“

Dazu gehört für mich auch, dass Jesus, allen Beschwernissen und Einschränkungen seiner Zeit zum Trotz, aus den Quellen des Glaubens gelebt hat. Und dass er Freude gehabt hat an diesem Leben. Er hat gepredigt, geheilt, gestritten. Aber er hat auch in und mit der Schönheit der Schöpfung gelebt. Sie weist uns hin auf den Geber aller Gaben, auf den, ohne den wir nichts tun können. Die Schöpfung zu bewahren, Ehrfurcht vor dem Leben zu üben – gerade in diesen Tagen – ist die praktische Anerkennung dessen, dass Gott unser Schöpfer und Vater ist.

Seine Spuren will ich erkennen, auch in dieser Zeit. Allen Fehlern, aller Schuld und allen Anfechtungen zum Trotz. Weil dieses Leben und die Welt Gottes gute Schöpfung ist. Das gibt mir Kraft zum Leben, zum Entscheiden und zum Glauben.

 

Foto: Pixabay CC0

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