Veröffentlicht am So., 19. Apr. 2020 00:00 Uhr

Predigtimpuls für den Sonntag Quasimodogeniti (19. April) zu Jesaja 40, 26-31

Superintendent Dr. Christian Nottmeier

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Ansprache zum Nachlesen (PDF)

Hoffnung tut der Seele gut – das hängt gerade auf einem Banner an fast allen Kirchen unseres Neuköllner Kirchenkreises. Hoffnung tut der Seele gut – das soll ein Signal sein, ein Denkanstoß, ein Impuls. Nicht nur für uns Christenmenschen, sondern für alle, die diese wenigen Worte sehen. 

Gerade jetzt haben wir Hoffnung nötig. Das gilt für fast alle Fragen, die uns jetzt bewegen. Sind erste Lockerungen des „Lockdowns“, den wir in den letzten Wochen erlebt haben, verantwortbar? Was passiert eigentlich, wenn die Infektionszahlen wieder steigen? Aber auch die Fragen nach denen, die uns besonders nahe sind, sind Hoffnungsfragen: wann wird es wieder möglich sein, die Großeltern in Niedersachsen zu besuchen, fragt mich mein Sohn. Wann können wir vielleicht sogar gottesdienstlich zusammenkommen - wenn auch sicher erst in kleinen Gruppen? Denn auch das wissen wir: so schön und hilfreich unsere digitalen Formen sind, die unmittelbare Begegnung können sie nicht ersetzen. Was kann schon an die Stelle einer Umarmung, eines Händedrucks oder des direkten liebevollen Blickes treten? Auch da sind wir Hoffende.  

Hoffnungen können allerdings enttäuscht werden, sich gar als unbegründet erweisen. Wer oft umsonst gehofft, immer wieder enttäuscht worden ist, der wird vorsichtig, skeptisch, will sich aus guten Gründen nicht täuschen lassen. Die Vorsicht, der Zweifel, der uns auch in den Ostergeschichten begegnet, gründet auf dieser menschlichen, ja allzu menschlichen Erfahrung. Wer will schon hoffen und dann als Dummer dastehen?  

Und doch haben wir es Ostern gefeiert: Gottes großes „Aber“ gegen den Tod und die Hoffnungslosigkeit. Gehört haben wir davon, und – wenn auch vielleicht alleine oder in unseren Hausgemeinschaften – gesungen: „Wir wollen alle fröhlich sein, in dieser österlichen Zeit…“

Doch reicht das? Kann mich, kann uns das herausreißen aus allen Zweifeln, Rückschlägen und den oft ja gut begründeten Ängsten, die uns umtreiben? Die Frage ist nur allzu berechtigt. Denn sie begegnet uns immer wieder in den biblischen Geschichten, die als Glaubensgeschichten immer auch Hoffnungsgeschichten sind. Hoffnung kann nur dann der Seele guttun und nur dann Trost spenden, wenn sie auch die gegenläufigen Erfahrungen, wenn sie Angst und Zweifel nicht nur ernst nimmt, sondern auch aufnimmt.  

Da kommt für mich auch dieser Trost- und Hoffnungstext aus dem Jesaja-Buch ins Spiel. Zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit waren die Menschen hin- und hergeworfen. Große Prophetenworte hatten sie gehört vom Ende ihres Exils, von der Rückkehr in die Heimat. Aber die Wirklichkeit sah demgegenüber düster aus, regelrecht winterlich-trüb. Fast schien es, Gott habe seine Versprechen vergessen, die Hoffenden einfach übersehen. So beklagten es auch die Glaubenden. Gott sieht mich nicht mit meinem Leid, meinem Kummer, meiner Resignation.  

Mich fasziniert, dass hier, bei Jesaja, doppelt geantwortet wird. „Hebt eure Augen und seht!“ So beginnt der erste Ruf. Seht einmal ab von dem, was euch gefangen hält, was ihr fürchtet, was euch ängstigt. Denn Angst allein frisst die Seele auf. So wichtig Angst als Warnsystem auch sein mag, sie kann mich so gefangen halten, dass ich nur noch um mich selbst kreise. Deshalb ist es gut, von mir und meiner Angst einmal abzusehen und aufzublicken. Und sei es nur für einen Augenblick. Schon das kann heilsam sein.

Hier, bei Jesaja, führt der Blick auf die Schöpfung, die Allmacht Gottes. Ostern freilich haben wir gehört, dass die Allmacht Gottes auch in seiner Ohnmacht liegen kann, in der Solidarität mit dem Leid und dem Schmerz, selbst in der Verlassenheit und im Tod. Gottes Macht mag unerforschlich und geheimnisvoll sein, aber zu Karfreitag und Ostern hat sie ein menschliches Gesicht bekommen. Auch das tröstet mich, hilft mir mehr als fromme Durchhalteparolen, die zu immer mehr Glauben, immer mehr Vertrauen aufrufen.  

Und dann, als zweites, schaut Gott selbst hin zu dem, was die Menschen bewegt. Er wird zum einfühlsamen Seelsorger, spricht behutsame, tröstende Worte. Worte, wie sie die Seele braucht. Nicht fordernd, Gehorsam heischend, anklagend. Sondern sorgsam gewählt, nachgehend, fragend. Warum sagst du das? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?  

So oft habe ich schon gehört, sagt die Seele, dass du von „wissen" sprichst. Aber ich rede von dem, was tief in mir drinnen ist. Was verletzt ist, kaputt, zugrunde gegangen. Was nützt es mir, dass Gott die Welt geschaffen hat, wenn er meinen Weg kennt und mich trotzdem hängenlässt? Ist das nicht noch viel schlimmer?! Zu wissen, da ist ein Gott, und er könnte helfen, aber er tut's nicht!?  

Ja, Gott bleibt unbegreiflich. Ja, vielleicht ist mein Verstand manchmal nicht groß genug. Aber in diesen Fragen weiß ich mich – mit Karfreitag und Ostern im Rücken – nicht mehr allein. Ich weiß von Gottes eigener Ohnmacht, von seinem Leid und seinem Schmerz. Das bringt mir Gott nahe. Ich denke an das Licht, das Ostern scheint. Davon, dass etwas Neues beginnt, auch mit mir. Auch das rufe ich mir in Erinnerung, gerade dann, wenn meine Angst mich zu überrennen droht: Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?  

Gott geht mir nach. Auch in Schmerz und Angst. Das sehe ich neu in diesem alten Prophetentext. Er erinnert mich freundlich, gütig und sanftmütig: Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Das gibt mir Kraft, neuen Mut. Auch im Ausharren und Hoffen. So bleibe ich nicht matt, sondern kann neu zu laufen beginnen, nicht allein, sondern mit vielen gemeinsam. Und ich kann im Blick auf mein Leben sehen, wie es Joachim Neander in dem bekannten Lied „Lobe den Herren“ gedichtet hat: Dass Gott mich „auf Adelers Fittichen“ sicher geführet hat. Ich kann mich fragen: „In wieviel Not, hat nicht der gnädige Gott, über dir Flügel bereitet?“  

Ja, so wächst Hoffnung. Solche Hoffnung tut meiner Seele gut. Und gibt mir manchmal sogar Adlerflügel für meine Seele. Damit ich auffahren kann mit Flügeln, zu neuer Hoffnung und neuem Lebensmut. Auch, weil zu Ostern ein anderer aufgefahren ist.

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