Veröffentlicht am Mo., 13. Apr. 2020 00:00 Uhr

Andacht zum Ostersonntag (12. April 2020) 

Superintenden Dr. Christian Nottmeier

Ich mag Ostern. Schon immer. Ich mag die Symbolik. Licht, Leben, auch das Aufblühen der Natur. An Ostern mag ich auch die besonderen Gottesdienste. Nicht nur, weil ich Pfarrer bin. Die gemeinsame Feier der Osternacht ist für mich besonders schön: Wie aus dem Dunkel am Ostermorgen langsam Licht wird, wie die Texte und Geschichten – zwei davon haben wir eben gehört – dann ihre ganz eigene Bedeutung entfalten. Aber ich mag auch vieles rundherum. Das Osterfrühstück in vielen Gemeinden, bei dem Alt und Jung beieinander sind. Das muntere Ostereiersuchen der Kinder. Die Ausflüge und Spaziergänge, die ich gerne mit der Familie mache. Lebensglück, Lebensfreude – all das hat für mich auch mit Ostern zu tun.

Dieses Jahr aber wird das anders sein müssen. Wir merken das ja schon daran, wie wir hier Gottesdienst feiern. Wir feiern Ostern auf einer Grenze, in unklaren Zeiten. Vielleicht liegt darin eine Chance, allen Beschwernissen zum Trotz, noch einmal anders und neu auf die Osterbotschaft zu hören. Vielleicht helfen uns die Einschränkungen, die uns durch das Corona-Virus aufgezwungen sind, noch einmal anders zu hören und zu sehen, auch auf die Zwischentöne von Ostern.

Dazu gehört auch die Frage, ob es denn auch wahr ist, was wir feiern. Das Leid, das Menschen einander zufügen; das Böse, dass es doch auch in der Welt gibt; die Stummheit der Natur; der Tod, der alles in Frage stellt:  Das sind doch die Realitäten, mit denen wir uns täglich konfrontiert sehen und die uns in diesen Tagen der Corona-Krise in vielfacher Weise existentiell angehen und nahekommen. Da kann die Frage brennend heiß werden, ob´s denn auch wahr ist, was wir in unseren Gottesdiensten so oft singen: Dass Gott gegenwärtig und die Macht des Todes gebrochen ist. Oder – wie es bei Jesaja gesagt wird – nicht doch andere Herren über uns herrschen, denen wir ausgeliefert sind. Sei es der Tod, seien es wirtschaftliche Mächte oder auch ein Virus. Wie dagegen angehen?

Wir feiern Oster auf der Grenze. Zwischen Dunkel und Licht. Die Osterfreude stellt sich erst langsam ein. So ist es auch in der Geschichte vom Ostermorgen. Das hilft mir in dieser Zeit. Diese Zögerlichkeit, dieses langsame Aufkommen von Hoffnung. Das mag ich an diesem Wechsel vom Dunkel zum Licht. So geht es mir auch in meinem Glauben. Der ist oft wechselnd, gar zwiespältig. So erlebe ich Gott. Da ist der Gott, der alles zum Besten wenden will, der selbst Tote auferstehen lässt. Da ist aber auch der, der Schmerzen, Leid und Tod jedenfalls zulässt, dieses aushält und sich meinem Sehnen entzieht. Der mir zur Rätselmacht wird. Da werde ich selbst zum Grenzgänger zwischen tiefem Zweifel und sehnsüchtiger Hoffnung, die oft genug zusammengehören, sich einander bedingen, ja mich und meinen Glauben zum Menschen machen. Gott suchen und Gott erleiden gehören zusammen. Jesus von Nazareth hat es jedenfalls genau so erlebt und erfahren.

Wir feiern Ostern heute anders. Dazu gehört wohl auch, Abschied zu nehmen von falschen Gewissheiten und bloßen Behauptungen. Weil sie allein nicht tragen, ja nicht Trost, sondern Vertröstung sind. Jesus hat ohne Sicherheiten geglaubt, ist seinen Weg des Glaubens gegangen, bis an das Ende, das sich dann als neuer Anfang erweisen sollte. Jesus hatte offensichtlich diese Gewissheit, dass Gott ihn noch immer mit seiner Liebe und Güte umgibt –in allen seinen Erfahrungen, selbst ganz am Ende. Wohl deshalb ruft er: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ein Psalm, ein Gebet der hebräischen Bibel übrigens, dass im zweiten Teil in Gotteslob übergeht.

In diesen Gedanken ist mir der Osterglaube gerade jetzt besonders nahe. In einer Zeit, in der ich weniger als je bisher in meinem Leben sagen könnte, was die Zukunft bringt. Für mich bedeutet dieser Glaube, dass Gott meinem Leben im Vorbild und Urbild Jesu einen Grund gegeben hat, ja, einen Wert, der über alle Widersprüchlichkeiten meines Lebens und dieser Welt, über alle Todeserfahrung hinausgreift. Das lässt sich nicht beweisen, sondern immer nur neu erzählen, bezeugen und mit Liedern besingen.

Für mich liegt darin Hoffnung: Hoffnung, die uns verbindet. Das tun wir alle – ob Christenmenschen oder nicht – ja gerade viel: Hoffen.

Hoffen, dass die Maßnahmen der Regierung zu Kontaktsperren und sozialer Distanz ihre Wirkungen endlich zeigen. Hoffen, dass die Modelle der Virologen richtig sind und die Verbreitung des Corona-Virus verlangsamt werden kann. Hoffen auch, dass unsere Gesellschaft das aushält, was jetzt von uns verlangt wird.

Ich will diese Hoffnung bewahren. Die Ostergeschichten helfen mir dabei. Denn es sind Hoffnungsgeschichten. Gerade jetzt brauchen wir sie. Ostern geht es genau darum: Dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern dass die Kräfte der Liebe und des Lebens siegen. Dass Furcht und Angst mich nicht beherrschen, sondern ich hoffnungsvoll, zuversichtlich und besonnen sein kann. Und, nicht zuletzt, dass ich die Widersprüche aushalten kann.

Mich ermutigen auch die vielen Zeichen der Hilfe und Solidarität in unseren Kirchengemeinden und weit darüber hinaus. Spuren von Gottes Liebe auch unter uns. Er will das Leben, nicht den Tod. In dieser Hoffnung stärkt mich die Osterbotschaft. Sie ist dann ganz kurz, der auferstandene Jesus sagt sie zu seinen Jüngern: „Fürchtet euch nicht!“ Das gibt mir Kraft, allem anderen zum Trotz, gerade in dieser Zeit. Darüber kann mein Herz, können sich unsere Herzen freuen. So wie Paul Gerhardt es mit Blick auf Jesus in schwerer Zeit gedichtet hat:

Er reißet durch den Tod,
durch Welt, durch Sünd, durch Not,
er reißet durch die Höll;
ich bin stets sein Gesell. 

Deshalb besonders in diesem Jahr: Ein frohes und gesegnetes Osterfest! 


Videoandacht zum Ostersonntag mit der Ansprache von Christian Nottmeier

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