Veröffentlicht am Di., 14. Apr. 2020 00:00 Uhr

Predigtimpuls für Ostermontag (13. April 2020) zu Lukas, Psalm 24, 36-45
(als Audioandacht eingesprochen für eine Hausliturgie)

Superintendent Dr. Christian Nottmeier

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Ansprache zum Nachlesen (PDF)

Eigentlich ist Ostern ein ganz unglaubliches Fest, ein Fest, dessen Inhalt, wenn man ihn ernst nimmt und nicht auf fröhliches Eiersuchen reduziert, höchst unwahrscheinlich und unglaubhaft klingt. Entsprechend unterschiedlich sind daher auch die Ostergeschichten des Neuen Testaments. Sie schwanken zwischen Zweifel, Staunen und dann neuer Glaubenszuversicht.

Ich mag besonders die Ostergeschichten, wie sie Lukas erzählt. Da ist natürlich die berühmte Geschichte der Emmausjünger. Zwei Jünger sind unterwegs in ihr altes Leben, verzweifelt und enttäuscht. Ein Fremder begegnet ihnen, geht ihren Weg mit und tröstet sie. Als es Abend wird, laden sie ihn zum Mahl ein. Da erkennen sie in dem Fremden, der sogleich verschwindet, den auferstanden Jesus Christus.

Dem folgt diese Szene in Jerusalem. Die beiden Emmausjünger sind zurück in Jerusalem, sie erzählen von ihrem Erlebnis. Niemand will es glauben, wie auch? Mitten in das Durcheinander tritt Jesus unter sie, spricht die Worte des Grußes: „Friede sei mit euch!“ Jetzt folgt mitnichten Erleichterung, Freude oder gar frenetischer Jubel. Die Angst, das Trauma des Todes Jesu und des Zusammenbruchs der eigenen Hoffnungen, halten sie gefangen. Sie können nichts anderes sehen. Deshalb ist ihre Reaktion verständlich: Erschrecken, Zweifel, Misstrauen, Abwehr und „das Muss ein Gespenst sein.“

Jesus erweist sich jetzt als Seelsorger. Das ist mir gerade in der Coronakrise wichtig. Jesus ist hier kein Bußprediger, kein Richter, der Vorhaltungen macht, sondern ein echter Seelsorger und Lehrer. Keine Vorwürfe über verkorkste Lebenseinstellungen,  über Zweifel oder mangelndes Vertrauen. Kein Geschimpfe über Unglaube oder die Schlechtigkeit der Welt. Sondern ein sensibler, ja liebevoller Blick in die Herzen der Verängstigten und Verunsicherten.

Er spricht die Gefühle an: „Ich sehe eure Furcht und eure Angst. Aber schaut genau hin. Fasst mich an, nehmt mich wahr, ich bin´s.“ Erst allmählich beginnen die Jünger zu begreifen, stellt sich halbwegs Verstehen und dann auch Freude ein. Weil Jesus Tröster, nicht Vertröster ist.

Mir ist dieses langsame Erkennen der Jünger wichtig. Es nimmt sie als eigenständige, selbstverantwortliche Menschen Ernst. Es zeigt mir, dass Glaube und Zweifel Geschwister sind, keine unüberwindbaren Gegensätze. Ja, es braucht Zeit zu verstehen. Gehen und laufen, sehen und hören, erschrecken und sich freuen, zweifeln und vertrauen, sich erinnern und verstehen, schließlich eine Aufgabe erhalten und in die Welt hinausziehen – all das spiegelt sich in den Ostergeschichten wider. Es ist auch keine einfache Abfolge, sondern eine immer neue Wechselbewegung. In dieser Bewegung stellt sich das ein, was Jesus in seinem Gruß Frieden nennt. Dass mein Leben sinn- und bedeutungsvoll ist; dass Angst und Unsicherheit ebenso zu mir gehören wie Zuversicht und Gottvertrauen. Auch auf die Jünger wartet in diesem Wechselspiel eine Aufgabe. Sie sollten Zeugen der Liebe Gottes werden, hinausgehen in die Welt, einige werden sogar in ungeahnte Weiten aufbrechen. Sie werden vielleicht nicht in Galaxien vordringen, die kein Mensch zuvor gesehen hat, wie bei den Abenteuern des Raumschiffes Enterprise in der Fernsehserie Star Trek. Aber sie werden auch in sich und um sich eine Weite erfahren, von der sie nicht zu träumen wagten.

Der Osterglaube, den die Jünger hier empfangen, ist Gabe und Aufgabe. Es ist ein Glaube, der Friede und Freude schenken soll. Es ist aber auch ein Glaube, der sich nicht auf sich selbst zurückzieht, sondern der die Glaubenden in die Welt sendet. Der Glaube bleibt an die Welt gesandt (Lk 24, 48).

Ich stelle mir vor, dass diese Begegnung den durch Jesu Tod verdunkelten Horizont der Jünger aufhellt und weitet. Das macht die Freude aus, von der die Rede ist. Jesus grüßt sie mit dem Friedensgruß. Das macht ihre Seelen froh und weitet ihren Horizont. Es ist eine heilsame Botschaft für aufgewühlte Seelen und verwirrte Köpfe. Dass diese Friedenszusage sie sofort verändert, zeigt sich auch an ihrem Auftrag. Sein Friedensgruß und Jesu seelsorgerlicher Umgang nimmt ihnen ihre Angst. Sie können hinausgehen in Welt, mit neuer Hoffnung und frischer Zuversicht.

Ja, vielleicht ist das heute die wichtigste Osterbotschaft. Unsere Ängste, unsere Unruhe, die harten, scheinbar unveränderlichen Realitäten dieser Welt, sie behalten nicht das letzte Wort. Sondern plötzlich weitet sich der Horizont, auf einmal wird Hoffnung wieder möglich. Ostern können wir Hoffnung hamstern. Denn diese Hoffnung tut unserer Seele gut. Wir können aufbrechen, uns verändern, weil wir von Gott geliebt und angenommen sind. Auch in Zeiten von Corona.

Wir brauchen den weiten Horizont, der in die Ewigkeit reicht. Solche Menschen Das schenkt uns. Solche Menschen braucht unsere Welt. Damit es für uns und alle Menschen Ostern wird und Jesus zu uns spricht: „Friede sei mit euch! Ich sehe eure Angst. Aber seht. Seht genau hin. Ich bin´s selber. An eurer Seite. Seid ihr dafür Zeugen!“    

Foto: Pixabay CC0 

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