Veröffentlicht am Di., 4. Jun. 2019 09:16 Uhr

Am Anfang war der Rausch der Begeisterung. Wo Minuten vorher noch Angst und Verzagtheit herrschten, schien plötzlich ein neuer Aufbruch möglich.

Die Pfingstgeschichte, wie sie Lukas in der Apostelgeschichte erzählt, schildert das in eindrücklicher Weise. Sorge und Mutlosigkeit beherrschen die Jüngerinnen und Jünger Jesu zunächst. Jetzt, nach Kreuz, Auferstehung, Himmelfahrt, ist Jesus wirklich weg. Was tun? Wie soll es weitergehen, jetzt, wo wieder alles vorbei ist.
Von Begeisterung ist zunächst nichts zu spüren. Die Jünger sind in Jerusalem zu einem Wallfahrtsfest, vielleicht wollen sie trotz aller Unsicherheit auch von Jesus erzählen. Aber wie, bitteschön, soll das gehen? Wer hört schon auf galiläische Handwerker, Fischer und Zöllner ohne große Qualifikationen und Fremdsprachenkenntnisse?

Wie soll es weitergehen, wenn die Möglichkeiten und Mittel begrenzt, die Zukunftsaussichten unklar, die eigenen Perspektiven fraglich sind? Ja, die Jünger sind in Jerusalem, Ostern liegt hinter ihnen. Aber ob sie erfolgreich sind damit, die Flamme ihres Glaubens weiterzutragen oder ob sie danach nicht doch zurückkehren in ihr altes Leben, das ist nicht ausgemacht.

Doch dann, ohne Vorankündigung und Warnung, geschieht etwas gänzlich Unerwartetes. Die eher zaghaften Versuche, vom Auferstandenen zu erzählen, davon, wie er ihrem Leben neuen Sinn und neuen Wert gegeben hat, werden im wahrsten Sinn des Wortes vom Geist beseelt und eingegeben.  Wie ein Brausen und wie Feuerzungen wirkt auf sie das, was da geschieht – so versucht die Bibel in Bildern zu umschreiben, was sich schwer umschreiben lässt. Und noch merkwürdiger: die Jünger können plötzlich alle Sprachen sprechen, so dass sie von ganz unterschiedlichen Menschen verstanden werden. Denn die Stadt ist voll mit Pilgern, multiethnisch, multikulturell und multilingual. Aber das Sprachengewirr, die kulturellen und sozialen Unterschiede, die den Alltag prägen, oft trennend und ausgrenzend sind, spielen plötzlich keine Rolle mehr. Angesichts der Nähe Gottes im Geist, der die Jünger ergreift, werden all diese Schranken überwunden.

Viele werden von dieser Begeisterung angesteckt, lassen sich taufen, mehr als 3000 an einem Tag. So entsteht die erste Gemeinde. Insofern ist Pfingsten der Geburtstag der Kirche. Allerdings weniger der Kirche im Sinne einer festen Organisation wie der einzelnen Konfessions- oder gar der Landeskirchen, sondern Kirche als der Gemeinschaft aller Glaubenden. Mit Pfingsten beginnt die Erzählgemeinschaft des christlichen Glaubens. Darin liegt die Aufgabe von Kirche und Gemeinde: die Geschichte Gottes mit uns Menschen immer neu zu erzählen und zu bezeugen. Mal zaghaft und zögerlich, doch dann auch wieder voll Kraft und geistbegabt. Wer will schon genau bestimmen, wann, wie und wo der Geist weht? Die Bibel weiß jedenfalls auch davon zu berichten, dass Gottes Geist, Gottes Nähe nicht nur im Spektakulären, sondern ebenso in der Stille, vielleicht sogar nur einem leisen Säuseln zu erfahren ist.

Wie Gottes Liebe in Wort und Tat zu bezeugen ist, darum ringt die Kirche seit 2000 Jahren. Immer neu ist zu überlegen, wie in der Zeit und den Herausforderungen, die diese uns stellt, der Glaube weitergesagt werden kann. Aber bei allem Planen, Überlegen und Austausch von Ideen gilt es, das eine nicht aus dem Blick zu verlieren: dass der Geist, an den uns Pfingsten erinnert, ein Geist ist, der Menschen zusammenführt, ein Geist, der Freiheit und Begeisterung schenkt. In diesem Geist kommt Gott in unser Herz, um uns, unsere Kirche und unsere Welt zu verwandeln.  

Kirchenfenster mit Pfingst-Motiv von Hans Stocker in der katholischen Kirche St. Peter in Büsserach, Foto Roland Zumbuehl, CC BY-SA 4.0, via wikimedia

Kategorien Christian Nottmeiers Gedanken