Veröffentlicht am Mo., 12. Nov. 2018 09:48 Uhr

Gedanken zu 100jährigen Jubiläum des Endes des Ersten Weltkrieges

Einführungsstatement zur Podiumsdiskussion  „1918 – 2018. Erinnerungskultur und Blick nach vorn“ am 10. November 2018 in der Martin-Luther-Kirche

100 Jahre deutsche Republik, 100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs. Daran wollen wir heute in dieser Veranstaltung erinnern. Erinnern heißt zunächst immer: wir halten inne, schauen zurück, gehen auch ein Stück aus unserer Zeit, unseren Fragen heraus.

Demokratie und Friedenssicherung, unter ganz anderen Bedingungen als den unsrigen - das war die Hauptaufgabe, die jedenfalls den verantwortlich handelnden Akteuren gestellt war. Dass wir das in dieser Verbindung von Kriegsende, Kriegsniederlage (für Deutschland) und Ausrufung der Republik tun, zeigt bereits eine fast schicksalhafte Verbindung, die der Republik von Beginn an anhaftete und ihr von ihren Gegner auf der politischen Rechten angelastet wurde: sie sei letztlich das Produkt einer Niederlage. So hatte es fünf Wochen vor den Ereignissen des November 1918 General Ludendorff gegenüber Wilhelm II. formuliert, nachdem er dem ziemlich verblüfften Kaiser mitteilte, dass der Krieg nach dem Scheitern der letzten deutschen Offensiven im Westen nicht mehr zu gewinnen sei und nun Frieden geschlossen werden müsse. Jetzt, so Ludendorff, müssten auch „diejenigen Kreise an die Regierung kommen, denen wir in Hauptsache zu danken haben, dass wir soweit gekommen sind. Wir werden also diese Herren jetzt in die Ministerien einziehen sehen. Die sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben.“[1]

Das zielte auf die drei politischen Gruppierungen, die zum Teil schon vor 1914 auf eine Reform der politischen Ordnung des Kaiserreichs zielten und seit 1912 eine Mehrheit im Reichstag hatten, die aber erst 1917 in einem gemeinsamen Appell zum Friedensschluss ohne Gebietsabtretungen auch politisch wirksam geworden war. Es waren die Parteien, die dann auch die neue Demokratie tragen sollten und in den Wahlen zur Nationalversammlung immerhin 75% der Stimmen auf sich vereinen konnten:  die SPD (ohne ihren linken Flügel, der sich 1917 abgespalten hatte), das katholische Zentrum und die linksliberale Fortschrittliche Volkspartei.

Parallel zur Aufnahme der Friedensverhandlungen und den Vorbereitungen zur Rückführung einer Armee mit etwa 10 Millionen Soldaten erfolgte eine Verfassungsreform, die aus dem Kaiserreich eine parlamentarische Monarchie machte. Zur Massenerhebung und dann zur Revolution kam es erst, als sich zeigte, dass zumindest ein Teil des Militärs gar nicht daran dachte, sich ziviler und damit auch parlamentarischer Kontrolle zu unterstellen. Die Marineleitung gab, nachdem die Flotte fast den ganzen Krieg über nicht zum Einsatz gekommen war, den Befehl zum Auslaufen zu einem letzten, vermeintlich ehrenvollen Gefecht. Das war nichts weniger als ein Putschversuch gegen die neue Ordnung, aber auch gegen die laufenden Waffenstillstandsverhandlungen, die die Regierung führte.

Der Aufstand der Matrosen führte so zur Revolution, an deren Spitze sich am 9.11. auch die Sozialdemokraten um Friedrich Ebert stellten. Ziel war es, sie in die von ihnen gewünschte Richtung lenken zu können, aber auch die Waffenstillstandsverhandlungen nicht zu gefährden, einen geordneten Rückführung der Armee zu gewährleisten und nicht zuletzt möglichst zügig Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung zu gelangen, die dann – auch und gerade gegen Aufstandsversuche von Seiten der extremen Linke – im Januar 1919 stattfanden. Was auch die Sozialdemokraten unbedingt vermeiden wollten, war ein Abrutschen der Revolution in eine Diktatur und Terror, wie man es im gleichen Jahr in Russland erlebt hatte.

Sozialdemokraten, Zentrum und Liberale knüpften dabei an die Ideale der 1848 an – nicht ohne Grund wurde Schwarz-Rot-Gold, das seit 1848  Symbol der Bewegung für Freiheit, Einheit und Demokratie war,  und nicht das kaiserliche Schwarz-weiß-rot zur Fahne der neuen Republik. Etablierung einer freiheitlichen Ordnung, Abwicklung des Krieges und Friedenssicherung waren die beiden Hauptziele, um die es 1918 und 1919 ging. Tatsächlich war es eine beachtliche Leistung, dass die Republik angesichts der innen- wie außenpolitischen Herausforderungen ihre ersten Jahre überlebte und ab 1924 doch in eine Phase der relativen Stabilisierung eintrat. Zu den Bürden der Republik gehörten nicht nur ihre zahlreichen Gegner auf der extreme Rechten wie der politischen Linken (die KPD hielt noch 1932 die Sozialdemokraten als „Sozialfaschisten“ , und nicht den Nationalsozialismus für den politischen Hauptgegner), sondern die außenpolitischen Herausforderungen. Da war der von allen deutschen Parteien als hart erachtete Frieden von Versailles, der gerade von der extremen Rechten gegen die Republik ins Feld geführt wurde. Insofern ging Ludendorffs Rechnung auf. Bekanntlich sollte er dann auch am 9.11.1923 gemeinsam mit Adolf Hitler einen ersten erfolglosen Putschversuch gegen die neue Ordnung in München anführen. Dass Diplomatie und Friedensicherung im Sinn einer verlässlichen internationalen Ordnung gleichwohl eine Chance hatten, zeigte der Beginn einer deutsch-französischen Verständigung durch die Außenminister Stresemann und Briand, die dafür 1926 sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.

Die Republik von Weimar schuf so innen-wie außenpolitische Vorrausetzungen, auf denen die zweite deutsche Demokratie aufbauen konnte: Rechts- und Verfassungsstaat gehören ebenso dazu wie die Grundlagen des modernen Sozialstaats, der in wesentlichen Teilen in der Weimarer Zeit grundgelegt wurde. Insofern waren die Ausgänge wohl offener, als uns das heute aus der Rückschau erscheint. Wäre die erste deutsche Demokratie, die auch mit dem 9.11.1918 ihren Anfang nahm, geglückt, wäre es wohl nie zu einem 9. November 1938 gekommen. Einen neuen, grassierenden Antisemitismus hatte Ernst Troeltsch schon 1919 in seinen bis heute lesenswerten „Spektatorbriefen“  als eine der großen Gefahren für die neue Ordnung ausgemacht: „Der Antisemitismus aller Schattierungen wird in den Kampf grundsätzlich eingespannt und die Schuld an Revolution und Niederlage dem Judentum und der Sozialdemokratie aufgebürdet. Damit wird man alles Nachdenkens über eigene Fehler ledig und kann das ganze Schicksal wie etwas von Außen Hereingetragenes betrachten, an dem man sich durch den Sturz der `jüdischen Regierungen´ rächen kann. Was man hier im Privatgespräch hören kann, grenzt an das Unglaubliche.“[2]

Für die Kirchen bedeutete die Revolution nach den ersten Wochen der Unsicherheit enorme Chancen. Die neue Verfassung von 1919 bot ihnen Möglichkeiten und Freiheiten, die zu nutzen sie versäumten. Es waren auch liberale, demokratieoffene Protestanten wie Friedrich Naumann und Adolf von Harnack, die die religionsrechtlichen Artikel der Verfassung erarbeiteten, die bis heute als Teil des Grundgesetzes gültig sind. Doch statt diese Chance zu nutzen, blieben die evangelischen Kirchen der neuen Ordnung gegenüber skeptisch bis ablehnend, ja zum Teil auch in offener Gegnerschaft. Protestanten wie Troeltsch, Rade, Harnack und andere, die sich offen für die neue Ordnung aussprachen, blieben gesamtkirchlich in der Minderheit. Selbst das Frauenwahlrecht für kirchliche Ämter fand in den Synoden keine Mehrheit, sondern kam erst auf Druck des preußischen Landtags in die Kirchenverfassungen.

 Dass politische Freiheit, Demokratie, Eintreten gegen Hass und Gewalt, auch gegen Antisemitismus, Ausdruck, ja notwendige Folge, christlicher, evangelischer Freiheit war, blieb eine Ausnahme. Die ökumenische Bewegung, die in diesen Jahren ihren Anfang nahm und die man gewissermaßen als Gegenstück zu den politischen Verständigungsbemühungen sah, blieb  hoch umstritten. Insofern trug die Kirche als eine nach wie vor wichtige, einflussreiche Organisation mit bei zunächst zur inneren Aushöhlung, zur theologischen Delegitimierung und dann schließlich zur Beseitigung der Demokratie. Offiziell war man politisch neutral, wählte aber zumindest deutschnational, und bald zum Teil auch noch weiter rechts. Die evangelischen Kirchen haben es damals jedenfalls nicht vermocht, den Staat der Weimarer Verfassung als „Angebot und Aufgabe“ wahrzunehmen wie es die EKD dann 1985 in der großen Demokratiedenkschrift mit Blick auf das Grundgesetz formuliert. Das weitgehende Versagen der evangelischen Kirche, der Diakonie und des Protestantismus 1933 hat eine Vorgeschichte, die auch hier zu suchen ist.

„1918 - 2018. Erinnerungskultur und Blick nach vorn“ Darüber wollen wir uns heute austauschen. Dabei geht es auch um Eintreten für Menschenrechte, für  Demokratie, für Friedenssicherung, aber auch für eine vielfältige Erinnerungskultur. Und es geht um den Beitrag, den die Kirchen dazu leisten können und könnten. Ich freue mich, dass wir uns heute so erinnern, aber zugleich den Blick in unsere Gegenwart werfen können. Danken möchte ich der Martin-Luther-Gemeinde für die gute Kooperation bei der Vorbereitung, v.a. aber den Teilnehmenden unseres Podium: Frau Ulrike Trautwein, seit 2011 Generalsuperintendentin des Sprengels Berlin und in Sachen Erinnerungskultur in unserer Landeskirche vielfältig unterwegs, Herrn Dr. Fritz Felgentreu, Altphilologe und seit 2013 im Wahlkreis Neukölln direkt gewählter Abgeordneter des Deutschen Bundestags für die SPD, dort u.a. Mitglied des Verteidigungsausschusses und zugleich Landesvorsitzender des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Berlin, sowie Dr. Dirck Ackermann, Pfarrer und seit 2005 Leitender Militärdekan im Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr.  

[1] Zitiert nach Heinrich August Winkler: Pflicht und Schuldigkeit. 9. November 1918: Seit hundert Jahren gibt es eine deutsche Republik, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 257 vom 5.11.2018, S. 8.

[2] Ernst Troeltsch: Die Fehlgeburt einer Republik. Spektator in Berlin 1918 bis 1922. Zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Johann Hinrich Claussen, Frankfurt am Main 1994, 93.

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