Veröffentlicht am Mi., 26. Sep. 2018 11:24 Uhr

„Unter uns gesagt“, so beurteilte der alte Goethe die Reformation Martin Luthers, „an der ganzen Sache ist nichts interessant als Luthers Charakter und es ist auch das einzige, was der Menge eigentlich imponiert. Alles andere ist ein verworrener Quark, wie er uns noch täglich zur Last fällt.“

Respekt vor der historischen Leistung Luthers, vor seiner Standhaftigkeit, alles andere aber „verworrener Quark“? Heißt das nicht, dass damit auch Luthers Einsicht in die liebende Güte Gottes, die er mit dem Begriff der Rechtfertigung umschrieben hat, bedeutungslos geworden ist? Gott steht doch für viele Menschen selbst in Frage. Nicht nach Schuld und Erlösung fragen sie, sondern allenfalls nach Sinn.

Aber dennoch ist unser Bedürfnis nach Rechtfertigung ungebrochen, ja hat sich in einer Zeit großer Freiheit und Selbstverantwortung noch gesteigert. Ständig rechtfertigen wir uns, müssen und wollen wir uns in einer bestimmten Weise darstellen, versuchen, vor anderen einen guten Eindruck zu hinterlassen. Wir erzählen die Geschichte unseres Lebens: Mal sind es kurze Erlebnisse, mal Heldengeschichten, und manchmal geht es auch um Leid und Verletzungen. Wir wollen wissend und geschickt erscheinen, auch schlagfertig und tolle Typen sein. Aber diesen Geschichten liegt immer ein Zug der Selbstverteidigung und der Rechtfertigung zu Grunde. Wer bin ich eigentlich, was habe ich aus meinem Leben gemacht? Wie stellt es sich anderen dar und wie möchte ich gesehen werden? Diese Erzählungen sind auch ein Wunschbild dessen, was wir gerne sein wollen – auch wenn wir doch nur unvollkommen sind.  

Bin ich gerechtfertigt? Was mache ich aus meinem Leben? Welchen Sinn gebe ich ihm? Das ist vielleicht die moderne Version von Luthers Frage nach dem gnädigen Gott. Wie gehe ich mit den ganz unterschiedlichen Rollen, Erwartungen und Ansprüchen um, die täglich neu an mich herantreten und denen ich nicht ausweichen kann? Ansprüchen, die mich manchmal mit Stolz und Freude erfüllen, aber auch zur Verzweiflung bringen können. Denn ich weiß doch auch um die Schwächen und die Täuschungen, weiß doch auch darum, auf welch wankendem Grund mein Leben manchmal zu stehen scheint. Ist das alles, was mich ausmacht? Muss ich mich nicht ständig selbst rechtfertigen und entwerfen?

Luthers an der Bibel gewonnene Einsicht in die grundlose Gnade Gottes meinte, dass ich mich nicht endlos selbst rechtfertigen muss, dass nicht ich es bin, der meine Erlösung und das Gelingen meines Lebens restlos in der Hand hat. Luthers Einsicht erinnert uns daran, dass das Gelingen unseres Lebens letztlich nicht in unserer Hand liegt, sondern es ein Gnadengeschenk Gottes ist. Sie erinnert uns daran, dass uns vor Gott ein Wert zukommt, den kein Mensch zerstören kann – ein Wert, der uns freimacht unser Leben in christlicher Glaubensgewissheit zu führen.  

Genau das macht Glauben aus: inmitten der Fragmente des eigenen Lebens, der Unzulänglichkeiten wie der eigenen Stärken, Gottes guter Verheißung zu vertrauen - gegen alle Widerstände, allen Anfechtungen und Zweifeln zum Trotz.

Das Reformationsfest ist so verstanden ein Fest gegen die Angst, sich ständig selbst neu rechtfertigen zu müssen. Ein Fest der Freiheit. Ein Fest aber auch gegen die Angstmacher unserer Tage, die mit Botschaften des Hasses Menschen gegeneinander aufbringen wollen. Denn Gottes Liebe gilt nicht mir allein, sondern allen Menschen.

Ihr
Christian Nottmeier
Superintendent


Foto: Pixabay CC0

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