Veröffentlicht am Do., 3. Mai. 2018 08:27 Uhr

Es ist eine meiner ersten Erinnerungen: ich, fünf Jahre alt, werde an einem kalten Januartag 1980 von meinen Eltern aus dem Kindergarten abgeholt. Wir fahren ins Krankenhaus in Bückeburg. In einem Zimmer alleine liegt mein Großvater, 77 Jahre alt, krank – was genau, wusste ich damals nicht. Er sieht schwach aus; er fragt mich etwas, ich weiß nicht mehr was. Ich singe für ihn irgendein Kindergartenlied. Zum Abschied streicht er mir noch einmal über den Kopf, sagt: „Ich habe keine Angst, Gott ist bei mir“, dann gehe ich zur Tür. Ich drehe mich noch einmal um, winke und sage verlegen „Tschüss“: Auch er richtet sich noch einmal auf, lächelt und winkt.

Zwei Tage später ist er gestorben. Wenn ich an ihn zurückdenke, dann denke ich an diesen Abschied. Ich sehe dieses Bild in mir und denke an das Gottvertrauen meines Großvaters. Sein Streichen über den Kopf deute ich heute als Segen.

Abschiede gehören zum Leben dazu, traurige gewiss, erwartungsvolle und manchmal auch notwendige. Davon berichtet auch die Bibel. Zu Pfingsten wird in den biblischen Lesungen nicht nur an die Pfingstgeschichte selbst, sondern an Jesu Abschied erinnert, wie er in den Abschiedsreden des Johannes-Evangeliums überliefert ist. Betrübt, traurig, hilflos sind dieJüngerinnen und Jünger. Gehe bloß nicht von uns, so haben sie Jesus angefleht. Doch der geht seinen Weg. Aber nicht, ohne den Seinen etwas mit auf den Weg zu geben: Worte von der Liebe des göttlichen Vaters, die bei den Jüngern wohnen werde. Worte vom Heiligen Geist als dem Tröster, den Gott im Namen Jesu schicken werde und der sie begleiten, stärken und aufrichten soll.

Der Heilige Geist als Tröster wirkt überall da, wo uns etwas vom Geist der Liebe, der Versöhnung und des Friedens ins Herz und in die Seele geschrieben ist. Er wirkt überall da, wo wir solche Erfahrungen machen, von denen wir sagen können: hier habe ich etwas von Gott geschenkt bekommen. Hier sehe ich einen Spiegel der göttlichen Liebe in meinem Leben, auch wenn es eine Abschiedserinnerung ist. Der Heilige Geist wird so zum Tröster, aber nicht zum Vertröster. Angst und Scheitern, Hass und Neid, schwere und qualvolle Abschiede, sie bleiben in der Welt, aber sie sollen im Lichte des göttlichen Geistes nicht das letzte Wort behalten, denn Jesus sagt: „In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost. Ich habe die Welt überwunden.“

Das ist die tröstende Kraft des Heiligen Geistes. Die Angst der Welt wird nicht einfach verleugnet, sondern benannt und ernst genommen. Tod und Angst sind nicht die letzte Wirklichkeit dieser Welt. In der Geschichte vom Pfingstwunder überwindet der Geist so Angst und Resignation. Denn der Geist sendet in die Welt. Die Botschaft von Liebe und Versöhnung, vom Sieg über den Tod, soll weitergesagt und weitergelebt werden: privat, familiär, kirchlich und auch gesellschaftlich. Christinnen und Christen sollen Botschafter des Trostes und der Versöhnung sein.

Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, des Trösters, des Geistes der Liebe, der Versöhnung und des Friedens, erinnert uns daran.

Ihr
Christian Nottmeier
Superintendent

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